Elementarisierung

Neben der im Schulalltag stattfindenden Förderung, Pflege, Therapie und Erziehung unserer Schülerinnen und Schüler mit komplexer Behinderung, umreißen folgende Fragen die Themenfelder Unterricht und Bildung:

1. Welche Grundlage hat die Bildung von Schülerinnen und Schülern mit Komplexer Behinderung?

„Bildung ist Leben und damit unverzichtbare Kategorie von Lebensqualität“ (Fornefeld 2003, 86)

Die Vorgebirgsschule orientiert sich an einem umfassenden, alle Menschen einschließenden Bildungsverständnis, welches sich durch „inhaltlich anspruchsvolle Bildungsinhalte auszeichnet, die die generelle Lernfähigkeit des Menschen mit schwerer Behinderung“ voraussetzt(Lamers 2000, 197).

2. Was sind anspruchsvolle Bildungsinhalte für Menschen mit Komplexer Behinderung?

Inhalte können dann als anspruchsvoll gelten, wenn sie die Menschen mit (schwerer Behinderung) ansprechen,

  • diese Menschen an allen bedeutsamen gesellschaftlichen Erfahrungen teilhaben lassen,
  • sich nicht grundlegend von den Bildungsinhalten nichtbehinderter Menschen unterscheiden
  • und ihnen Erlebens-, Erschließungs-, Veränderungs- und Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Welt eröffnen (Lamers 2000).

Ebenso wichtig ist die Lebensnähe des ausgewählten Themas zum Umfeld der Schülerinnen und Schüler. Hierbei geht es jedoch nicht um äußerlich Naheliegendes, sondern um ein Anknüpfen an emotionale Themen. Um motiviert und nachhaltig lernen zu können, müssen die Inhalte Schülerinnen und Schüler in ihrer ganzen Persönlichkeit ansprechen.

3. Wie können anspruchsvolle Bildungsinhalte ausgewählt und umgesetzt werden?

Eine Antwort kann das Konzept der Elementarisierung nach Heinen (2003) geben.

Elementarisierung bedeutet hierbei unter anderem den Unterrichtsgegenstand sach- und schülergemäß zu vereinfachen.

Durch die starke Sprachgebundenheit vieler Inhalte und die Vielfältigkeit möglicher Kommunikationsformen ist es notwendig eine differenzierte ‚Übersetzungsarbeit’ in die Sprache des Schülers vorzunehmen, ohne jedoch den Inhalt zu verfälschen. Die Übersetzung kann anhand folgender Kriterien erfolgen:

  1. Adaptieren: Was ist so ähnlich? Welche Parallelen sind zu ziehen?
  2. Modifizieren: Was kann man verändern?
  3. Magnifizieren: Was kann man hinzufügen?
  4. Minifizieren: Was kann man wegnehmen?
  5. Substituieren: Was kann man durch was ersetzen?
  6. Rearrangieren: Kann man Komponenten austauschen?
  7. Welche Reihenfolge sollte eingehalten werden?
  8. Umkehren: Was ist das Gegenteil? Welche Rollen lassen sich vertauschen?
  9. Kombinieren: Einheiten, Absichten, Ideen in Beziehung zueinander setzen

Bei der Umsetzung eines anspruchsvollen Bildungsinhaltes geht es demnach nicht um eine eins zu eins Übertragung. Als Methoden zur Umsetzung eignen sich unter anderem das Konzept der ‚Basalen Stimulation’ nach Fröhlich sowie Formen des Erlebnistheaters.

4. Wie sieht das Konzept der Elementarisierung übertragen in den Schulalltag z.B. am Thema „Afrika“ aus?

Das Thema „Afrika“ bietet auf verschiedenen Ebenen anspruchsvolle Bildungsinhalte:

  • die vielfältige exotische Tier- und Pflanzenwelt
  • das dunkelhäutige Aussehen der Menschen
  • der andere Lebensalltag
  • die Kultur Afrikas mit ihren unterschiedlichen Ritualen und Bräuchen, ihren unbekannten Spielen und Märchen

Und trotz der Ferne des Kontinents besteht auch ein direkter Bezug zum Leben der Schüler hier, denn in unserer unmittelbaren Umgebung begegnen wir täglich Menschen aus anderen Kulturen.

Diese beiden Punkte veranschaulichen bereits einen Teil des Elementarisierungsprozesses, nämlich die kulturelle Bedeutung des Themas sowie den Bezug zu Erfahrungen der Schüler.

Das Thema „Afrika“ lässt sich im Sinne einer didaktischen Reduktion in verschiedene Bereiche einteilen:

  1. Geographie Afrikas (z.B. Wüste, Regenwald, Flüsse, Seen, Berge)
  2. Alltag, Wohnen und Schule in Afrika (z.B. Häuser, Dorfbau, Kleidung, Sprache)
  3. Tier und Pflanzenwelt Afrikas
  4. Afrikanisches Essen (z.B. Früchte, Gemüse, Gewürze)
  5. Afrikanische Kultur und Tradition (z.B. Musik, Tanz, Spiele, Märchen)

Um das Ganze weiter zu verdeutlichen sollen nun zwei Punkte aufgegriffen werden:

  • Geographie Afrikas, hier exemplarisch der Bereich Regenwald

Der Regenwald kann in folgenden bedeutenden Grundelementen und Assoziationen dargestellt werden: feucht, Erde, warme Luft, nass, grün, Bäume, Blätter, Regen, Tiergeräusche, Äste

  •  Afrikanische Kultur, hier exemplarisch der Bereich Musik und Tanz

In der afrikanischen Musik sind besonders die Trommeln hervorzuheben und der damit verbundene eigene Rhythmus. Aber auch „exotische“ Instrumente wie Kalimba oder Regenmacher gehören zur Musik Afrikas.

Damit die Schüler das Thema Regenwald mit allen Sinnen wahrnehmen können, kann es im Unterricht z.B. so umgesetzt werden:Schülerin vor einer Fühlkiste

  • eine Kiste gefüllt mit feuchter Erde, Steinen, Ästen und Blättern
  • Wärmelampe
  • Geräusche des Regenwaldes über CD-Player (Regen, Tierstimmen)
  • Sprühflasche mit warmen Wasser

 

Ähnlich kann man das Thema Afrikanische Musik z.B. in Form eines Erlebnistheaters mit folgenden Requisiten für den Unterricht aufbereiten:

Schüler mit afrikanischer Trommel

  • Trommeln
  • Rasseln
  • Kalimba
  • Masken
  • Federn
  • Musik

 

 

Schüler mit afrikanischer Maske  Schüler liegend mit Tüchern  Schüler spielt mit Hilfe Kalimba

Literatur:

Fornefeld, B. (2003). Immer noch sprachlos? Zur Bedeutung des Dialogs in der Erziehung und Bildung von Menschen mit schwerer Behinderung. In: T. Klauß / W. Lamers (Hg.), Alle Kinder alles lehren...Grundlagen der Pädagogik für Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung (73-88). Heidelberg: Edition S

Heinen, N. (2003). Überlegungen zur Didaktik mit Menschen mit schwerer Behinderung. In: W. Lamers / T. Klauß (Hg.), ...alle Kinder alles lehren! – Aber wie? Theoriegeleitete Praxis bei schwer- und mehrfachbehinderten Menschen (55-77). Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Lernen

Lamers, W. (2000). Goethe und Matisse für Menschen mit einer schweren Behinderung. In: N. Heinen / W. Lamers (Hg.), Geistigbehindertenpädagogik als Begegnung (177-207). Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Leben

Seitz, S. (2000). „Im Blauland essen wir immer Blaubeerkuchen“ – Theaterspiel mit Bilderbüchern. In: R. Lensing-Conrady / H.J. Beins / G. Pütz / S. Schönrade (Hg.), „Adler steigen keine Treppen...“ Kindesentwicklung auf individuellen Wegen (69-93). Dortmund: Borgmann

Seitz, S.  (2003). Literaturunterricht für alle – Schule für alle? In: W. Lamers / T. Klauß (Hg.), ...alle Kinder alles lehren! – Aber wie? Theoriegeleitete Praxis bei schwer- und mehrfachbehinderten Menschen (213-223). Düsseldorf: Verlag Selbstbestimmtes Leben

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